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Playbook · Krisenkommunikation

Die ersten 90 Minuten.

Was in einer PR-Krise wirklich passieren muss — in der Reihenfolge, in der es passieren muss. Aus sieben Jahren Kommunikationsverantwortung für die Hagelversicherung und laufenden DACH-Mandaten.

Autor: Sandis Piruskins Stand: Juli 2026 Lesezeit: ~12 Min
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Bevor das Telefon klingelt.

Krisenkommunikation, die im Ernstfall funktioniert, wird in einer ruhigen Woche gebaut — nicht in der ersten Stunde des Sturms. Diese fünf Punkte sind der Unterschied zwischen „wir haben einen Plan" und „wir haben ein Problem".

  1. Krisen-Rollen definieren. Wer entscheidet, wer spricht, wer schreibt, wer schweigt. Drei Namen mit Vertretung — nicht dreißig Namen in einem Verteiler. Rollen: Krisen-Lead (Entscheidung), Sprecher:in (Öffentlichkeit), Statement-Autor:in (Schrift), Stakeholder-Manager:in (intern und extern nicht-Presse).
  2. Kontakt-Route festlegen. Ein sicherer Kanal für die erste Stunde (Signal oder verschlüsselter Telefonanruf), ein Rückrufnummer-Netz, ein Meeting-Raum (physisch oder Zoom). Nicht über Slack-Channels mit 40 Personen.
  3. Trust-Baseline-Statement schreiben. Ein einseitiges Dokument, das eure Grundhaltung definiert: Was ihr tut, wofür ihr steht, wo eure Grenzen liegen. Wird nicht in der Krise geschrieben, sondern zitiert. Sechs Monate ohne Update = veraltet.
  4. Sprecher-Training absolvieren. Live-Kamera-Simulation, Doorstep-Übung, Interview-Bridging. Einmalig 3 Stunden pro Person. Wenn ihr denkt „wir sind spät dran", seid ihr richtig. Wenn ihr denkt „reicht schon", seid ihr zu spät.
  5. Korrespondenten-Verzeichnis pflegen. Aktuelle Direktdurchwahlen und persönliche Handys der Journalist:innen, die euer Thema besetzen. Zweimal jährlich aktualisieren — Redaktionsstühle rotieren schnell.

Wenn das Telefon klingelt.

  1. 0:00

    Anruf entgegennehmen & Route sichern

    Erste Lageeinschätzung in 5 Sätzen: Was ist passiert · Wer weiß es · Wer will was · Was ist bereits öffentlich · Wo tickt die Uhr. Nicht mehr, nicht weniger. Sofortige Schweigepflicht auch ohne Vertrag — Berufsehre reicht in der ersten Stunde. Wechsel auf verschlüsselte Kommunikation (Signal, verschlüsseltes Telefon). Kein E-Mail-Verkehr mit Detail-Inhalten in dieser Phase.

    Häufigster Fehler: zu viele Personen zu früh im Loop. Krisen-Team in der ersten Stunde: 3 bis 5 Menschen, nicht mehr.

  2. 0:15

    Lage & Stakeholder-Map

    Auf einem einzigen A4-Blatt (oder Miro-Board): Wer redet wann mit wem? Welche Medien sind heiß und warum? Welche Stakeholder müssen vor der Presse informiert sein — Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Aufsichtsrat, Aufsichtsbehörden, Kooperationspartner? Wer ist bereits im Bild?

    Diese Karte entscheidet die Reihenfolge der Kommunikation für die nächsten drei Stunden. Wer aus dieser Reihe zu spät erfährt, wird zum Multiplikator des Problems statt zum Verstärker der Lösung.

    Prinzip: Interne Stakeholder vor externen. Betroffene vor Presse. Regulator vor Konkurrenz.

  3. 1:30

    Sprecher briefen & Korrespondenten aktivieren

    Sprecher:in bekommt: Talking Points (3 Kernsätze), Bridging-Sätze (wie man vom unangenehmen Detail zurück auf die Kernbotschaft kommt), No-Go-Zonen (was NICHT gesagt wird). Kurzes Trockentraining: 10 Minuten Frage-Antwort mit euch als feindlicher Interviewer:in.

    Parallel: persönliche Korrespondenten-Kontakte werden aktiviert. Nicht Presseaussendung blind über den Verteiler — sondern gezielter Anruf bei den drei bis fünf Journalist:innen, die euer Thema wirklich verstehen. Sie bekommen das Statement 15 Minuten vor allen anderen, mit Kontext.

    Warum das funktioniert: Journalist:innen, die man persönlich anruft, schreiben präziser. Präziser geschrieben = weniger Folge-Krisen aus falscher Verkürzung.

Nach dem Statement.

Das Holding-Statement ist raus, die ersten Anrufe sind gelaufen. Was jetzt passiert, entscheidet, ob die Krise am dritten Tag noch Schlagzeile ist.

Debrief in 72 Stunden.

Krisen enden selten mit einem klaren Punkt. Sie flauen ab. Das ist der gefährlichste Moment — weil das Krisen-Team erschöpft ist und der nächste Sturm bereits im Kalender steht.

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